Der Sprung ins kalte Wasser

Wie behalten die Menschen in einem Land, in dem die Hälfte des Jahres in Kälte und Dunkelheit vergeht, ihre Lebensfreude? Während die einen den Winter nur zähneknirschend als notwendiges Übel akzeptieren, nehmen andere ihn mit offenen Armen an – sogar durch den Sprung in das eisige Wasser gefrorener Seen und Meere.

Das Winterschwimmen, Eisschwimmen oder Kaltwasserschwimmen ist tief in der finnischen Kultur verwurzelt, doch in den letzten Jahren hat diese Disziplin einen monumentalen Popularitätsschub erlebt. Was macht es so verlockend? Wir haben mit einigen passionierten Winterschwimmerinnen aus Ost- und Westfinnland gesprochen, um es herauszufinden.


– „Das erste Mal habe ich das Winterschwimmen vor drei Jahren ausprobiert. Es war ein pechschwarzer Oktoberabend, das Meer peitschte im Wind und das Wasser war etwa neun Grad kalt – und als ich herauskam, hätte ich schwören können, dass es das beste Gefühl war, das ich seit langem erlebt hatte“, beschreibt Pauliina. Tatsächlich hat das Winterschwimmen fast schon etwas Süchtig machendes.


Viele der Hobby-Schwimmer betonen sofort die zahlreichen gesundheitlichen Vorteile, die das eiskalte Wasser mit sich bringt. Stressabbau, verbesserte Schlafqualität, ein gestärktes Immunsystem – die Liste ließe sich endlos fortsetzen.


– „Ich habe mit dem Winterschwimmen angefangen, weil ich gehört hatte, dass es gegen meine ständig kalten Hände und Füße helfen könnte“, bemerkt Hanna-Maija. Und die Vorteile beschränken sich nicht nur auf das Körperliche. – „Mein Interesse am Eisschwimmen begann vor ein paar Jahrzehnten aus gesundheitlichen Gründen, und es hat sich tatsächlich als wohltuend erwiesen – nicht nur für den Körper, sondern auch für den Geist“, sagt Merja.

Mediziner sind zu dem Schluss gekommen, dass das Schwimmen in kaltem Wasser nicht nur die Ausschüttung von Glückshormonen fördert, sondern dem Schwimmer auch ein Gefühl der Selbstermächtigung und des Über-sich-Hinauswachsens verleiht. Hinzu kommt der Aspekt der Achtsamkeit: Welche Sorgen oder Gedanken man vor dem Schwimmen auch im Kopf haben mag – im Wasser scheint es fast unmöglich, an ihnen festzuhalten oder sie danach wieder mit herauszunehmen. Wie bei den meisten finnischen Traditionen hat auch hier die Sauna ihren festen Platz.


– „Es dreht sich alles um den Kontrast zwischen heiß und kalt. Für mich ist die Sauna ein unverzichtbarer Teil des gesamten Erlebnisses. Wenn man gemeinsam mit anderen in tiefer Verbundenheit im Dampf sitzt, habe ich das Gefühl, dass man irgendwie den Kern des Finnischseins erreicht hat“, beschreibt Petra.


Wenn Sie den sprichwörtlichen Sprung ins kalte Wasser wagen möchten, empfiehlt es sich, zunächst einen Gleichgesinnten oder einen Verein zu suchen. – „Am besten fängt man gemeinsam mit jemandem an. Daraus kann ein Hobby entstehen, das einem wirklich Freude bereitet“, sagt Armi. – „Alles in allem ist es eine herrlich verrückte Beschäftigung. Besonders, wenn es draußen -20 Grad sind, man auf dem Steg sitzt und sich fragt, warum man eigentlich im Badeanzug dasteht, während alle anderen in dicke Steppjacken eingepackt sind“, fasst Pauliina zusammen.

Text: Jenna Suomela
Fotos: Katja Lösönen

Während die einen den Winter nur zähneknirschend als notwendiges Übel akzeptieren, nehmen andere ihn mit offenen Armen an – sogar durch den Sprung in das eisige Wasser gefrorener Seen und Meere.

Vaasan Pigviinit